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Sonntag, 18. September 2011
Siegergefühle, Sprachbarrieren und Pasta essen auf dem Camino
jonesen, 20:10h
30.08.2011
Oh meine Brüder.
Ich war angekommen.
Vor drei Tagen, am 27. August, saß ich viertel eins vor der Kathedrale in Santiago de Compostela, um das mir versprochene Siegergefühl zu genießen, bestehend aus Siegermüsli und Siegermilch. Beides zwar schon am Vorabend genossen, aber der Genuss zum Sieg machten sie zu solchem. Der Begriff des Sieges ist auf dem Camino de Santiago etwas unpassend auf den ersten Blick, bei diesem Sieg handelt es sich aber nicht um einen objektiven, sondern um einen subjektiven Sieg ohne Besiegten.
Pünktlich um eins war ich in gespannter Erwartung, ob die anderen auch von einer so, wenn auch nur zeitweilig, prägenden Erfahrung zu berichten wussten. Wie von mir angekündigt, hatten wir uns nämlich am Tag nach Burgos geteilt und uns für den 27. August, 13 Uhr vor der Kathedrale verabredet. Die anderen vier, Christian, Max, Nicolas und Arno blieben vorerst zusammen.
Kurz vor eins war es jedoch Jozef, ein geselliger, gesprächiger Belgier, den ich in den letzten Tagen mehr als nur sehend kennen lernte, der sich zu mir gesellte. Am Vorabend angekommen hatte er, da es zu spät für ihn war, in eine Herberge oder ein Hotel zu gehen, die erste Nacht in einem Park verbracht.
So warteten wir gemeinsam unsere Beine und Füße ausruhend auf die Jungs. Nach einiger Zeit lernten wir eine Deutsche kennen, die gerade zum dritten Mal in Santiago war und ihr restliches Leben derzeit reisend und woofend in Spanien auf der iberischen Halbinsel verbringt. Sie plante die Nacht im Park, wie Jozef zuvor, zu verbringen, mit Hund. Ich schloss mich ihr kurzerhand an bzw. wir planten es - war ja erst nachmittags.
Gegen halb vier, nach ca. 2,5 Stunden erfolglosen Wartens, machte ich mich auf den Weg ins Pilgerbüro, um mein Papier abzuholen, das mir gegenüber aller Welt den Abschluss der Wanderung bestätigt. Als ich bei „Grund der Reise“, im Pilgerbüro, „Nicht Religiös“ ankreuzte, guckt mich die Frau hinter dem Tresen verständnislos an und fragt, ob ich denn nicht wenigstens spirituelle oder ähnliche Gründe für die Reise hätte, um wenigstens „Religiöse und andere“ anzukreuzen, bejahte ich dies, wies sie jedoch darauf hin, dass ich keine christlichen Gründe habe. Ich hielt es nicht für nötig, für diesen Wisch zu lügen, obwohl es sicher Menschen gibt, die das Beachten des 7. Gebotes (?) (Luthers Zählung) für christlich genug und Dinge, wie Glaubensbekenntnis und den Glauben Jesus Christus als Gottes Sohn für religiöse Sahnehäubchen halten, die der normale Christ nicht für sich annehmen muss.
In den nächsten Tagen sorgte das doch etwas mickrig aussehende Papierchen für die eine oder andere Freude bei Mitpilgern, wenn es zum Vergleich mit der schöneren, „christlichen“ Compostelana kam.
Ich hatte schon während der ersten Wartezeit zwei SMS an die Jungs geschickt. Da ich es nun für unnötig hielt, weiter zu warten, beide SMS blieben unbeantwortet, beschloss ich das Warten zu beenden und machte mich, mal wieder vergeblich, auf die Suche nach einer passenden Kocherpatrone.
Ich hoffe, dass nur eine Kleinigkeit die Jungs verhindert und sie gesund und voller „Camino Experience“ (so häufig internationalisiert von den Mitpilgern genannt) den Camino zu Hause beginnen können. Nicht selten hört man hier die Weisheit: „Der Camino beginnt zu Hause.“
Den Kocher hatte ich mir nach einem prägenden Ereignis in León zugelegt.
Anfangs ging das Laufen alleine doch recht gut. Allerdings schien ich etwas Ernährungsprobleme gehabt zu haben, denn ich wurde etwas kränklich und schwach. Zuerst nur verwundert, wurde mir nach kurzer Symptomanalyse klar, dass ich Ruhe brauchte. Allgemeine Schwäche, Appetitlosigkeit und allgemeines Unwohlsein interpretiere ich als ruhebedürftig. Kam vielleicht daher, dass ich nur kalt aß und nichts Warmes genießen konnte, da ich fast jede Nacht draußen schlief. So kam es, dass ich für 17 km einmal einen ganzen Tag benötigte, in dieser Zeit ca. 8-10 Stunden unterwegs, waren sonst 25-30 km drin, vielleicht auch mehr.
So beschloss ich den nächsten Tag in der nur 7 km entfernten Herberge zu verbringen. Dort angekommen schien ich im ersten Moment das letzte Bett verpasst zu haben.
Nachdem die Gruppe vor mir nicht geschlossen Betten bekam, teilten sie sich auf und ich bekam das letzte Bett. Nach warmer Suppe und einen für 2 Personen gerechneten Pasta-Fertiggericht fühlte ich mich besser. Das zeigte mir schon, wie gut warmes Essen sein kann.
Am nächsten Morgen wurde ich vom bisher „arischsten“ Menschen geweckt, der mir begegnet ist. Ein zäher, blonder Jüngling von 17 Jahren, tüchtig, sportlich, unermüdlich. Am vorherigen Nachmittag ist er noch in der Nachmittagshitze etwas Joggen gewesen. Als ich ihm im Laufe des Abends mein Alter offenbarte, wies er mich daraufhin, wie sehr er sich darauf freut, 18 zu sein: „Wenn ich den Lappen hab, wird erstmal ordentlich rumgeheizt!“ Die Liebe zum Automobil so zu verpacken, das schaffen nur Menschen dieses Schlages, unabhängig von politischer Einstellung, stell ich mir diesen Jungen, hätte er vor 75 Jahren gelebt, als Musterknaben in einem, DEM Pfandfinderverein vor.
Morgens um halb 7 schaltet er voller Tatendrang das Licht mit den Worten „Es ist schon halb 7!“, an. Als ich ihn dann, noch humorvoll, darauf hinweise, dass ich noch schlafe, zeigt er sich, scheinbar in der Annahme, dass sein Tatendrang die ganze Welt umspannen und alle Menschen mitreißen müsse, unbeeindruckt. Mein Humor schwindet innerlich, ich zeige es nicht und mache mich mürrisch daran, den Morgen zu beginnen.
Später am Tag liege ich für eine Siesta an einem Fluss, mit sprießendem Wald. Ein Ort voller Leben, mitten in der Maserte, zur Siestazeit. Ein Traum
So ruhe ich und zwei deutsche Mitpilgerinnen haben auch diese Oase entdeckt und tun es mir gleich.
Ich bekomme Lust warm zu essen, frage die Mädchen, ob sie ein Feuer in dieser grünen Gegend für ungefährlich halten, aber sie zeigen sich, wie ich, ahnungslos. So frage ich einen etwas heimischen aussehenden Fahrradpilger. Er bietet uns zur Gefahrenvorbeugung seinen Gaskocher ab. Dazu schenkt er uns Pastareste und vier Eier. So kochen wir herrlichste Pasta und lassen unserem Spender noch zwei Eierübrig. Ein Mal, ein Genuss, ein Werk, eine Tat, die ihre Energie nicht nur aus Kohlenhydrate und Proteinen, sondern aus der Liebe zum Teilen holt.
Gestärkt und obendrein voller guter Laune, Agave geh ich noch Wasser, Früchte und Kekse vor Marschbeginn einkaufen und bekomme obendrein vom Verkäufer noch einen Lutscher geschenkt. Eine einzigartige Siesta.
Der Genuss der selbstgemachten Pasta nährt meine Lust zum Teilen und Kochen, so teilen wir das Zelt zu dritt ca. 5 km vor León. Auf dem Weg dorthin trafen wir in einer Bar auf einen Barbesitzer, der sich zur Freude zu allem deutschen mit uns auf Deutsch unterhält und uns dazu noch mit Beethovens 9. Sinfonie, Chorteil ab „Oh Freunde nicht diese Töne“, un dem 1. Satz der 5. Symphonie für den Weg stärkt.
Gefüllt mit „Ode an die Freude“ und Schicksalsmotiv machen wir uns auf weiter Richtung León,
Am Morgen trennen sich unsere Wege und ich gehe allein nach León.
Ich zeige mich ein weiteres Mal beeindruckt, welche Werke die Liebe zu Gott oder die Angst vor ihm schaffen kann.
Ich kaufe voller Enthusiasmus einen Kocher, welchen man auf die Gaskartuschen schrauben kann. Der Verkäufer weist mich noch darauf hin, dass ich den Kocher immer, wenn ich ihn nicht benutze, von der Kartusche abschrauben soll, zumindest glaube ich, dass das die Essenz seiner Aussage war. Er konnte kein Englisch, ich kein Spanisch.
Das Abschrauben hielt ich für äußerst praktisch. Am Abend koche ich wieder Pasta mit zwei Eiern, diesmal allein. Die Eier sind vom Essensspender des Vortages in meinen Besitz übergegangen. Nachdem wir ihm seinen Kocher wiedergaben, sah er uns enttäuscht an und sagte etwas traurig: „Zwei Eier!“ Ich dachte, wir hätten zu viel genommen und fühlte gleich das schlechte Gewissen für meine übereifrige Kocherei in mir hochkommen. Unser Bruder war jedoch enttäuscht, dass wir nicht mehr gegessen haben. Er hatte am Vortag acht (!) Eier gegessen und nun war ihm schlecht. So hatte ich zwei Eier für das Abendessen.
Nachdem ich das Abendessen mit einer Tasse Tee genossen hatte, schraubte ich, stolz auf diese Möglichkeit, den Kocher auseinander. Leider musste ich am nächsten Tag feststellen, dass ich den Verkäufer falsch verstanden habe oder er mich ein klein wenig ärgern wollte.
Einige Tage später kaufe ich also eine zweite Kartusche bei einem Schweizer, der ein Sportgeschäft betreibt. Verwundert erfrage ich den Grund seines Aufenthalts und er erzählt mir von einer sehr interessanten Greenpeace-Aktion, die die Menschen aus den Städten zur Wiederbesiedlung verlassener Dörfer holt.
Der Camino führt an drei Dörfern vorbei, welche durch Wasserkanäle am Tropf der großen Städte hängen und durch eins direkt durchfließen [?]. Die drei waren vor ca 20/30 Jahren komplett verlassen, das Dorf „Foucebadon“, mittlerweile mit Herberge und Laden in einem Haus, wurde damals nur von einer Mutter mit Sohn bewohnt, die in einfachsten Verhältnissen dort lebten. Ich vermute, Coelhos Beschreibung des verlassenen Dorfes in seinem Debütroman könnte sich auf eines der wieder besiedelten, nie verlassenen scheinenden Dörfern beziehen.
Einige Kilometer von diesem Dorf pausiere ich und bereite einen großen Topf Pasta (fast 500g) als Abendessen und Frühstück vor. Vorher habe ich über den Tag verteilt ca. 1,5 Liter Wasser gekocht. Nach ca. sechs Minuten Kochzeit der Pasta geht die Flamme des Kochers aus. Es braucht weitere 20 Minuten, bis sie im lauwarmen Wasser weich sind. Schmecken jedoch etwas mehlig. Ich halte die kurze Brenndauer einer Kartusche für etwas ungewöhnlich und sie klingt beim Schütteln auch noch relativ voll. Also untersuchte ich den Kocher und entdecke einen zweiten Dichtungsring an der Schraube, Er lässt sich sehr einfach lösen und bringt weiteres Schraubgewinde und einen mit Aussparungen eingepassten weiteren Dichtungsring zum Vorschein. Ich vermute es handelt sich um eine Fehlproduktion, die zum vorzeitigen Erlöschen führte. Ich erinnere mich an die etwas lädierte Verpackung mit 50% Preisnachlass. Mit den zwei verschwendeten Kartuschen habe ich nun den vollen Preis für den Kocher bezahlt. Ich habe die letzten Tage in verschiedensten Geschäften nach einer Kartusche gesucht, aber keine gefunden die passt. Wenn die dritte auch so’n Murks fabriziert, werde ich mich neu umschauen müssen, aber einen Kocher halte ich mittlerweile für essentiell, wenn ich auch in Zukunft so häufig draußen schlafe.
Nachdem ich also auch in Santiago keine Gaskartusche gefunden habe, saß ich mit Jozef vor der Kathedrale, habe ein prächtiges Sandwich gebastelt und bin langsam angekommen.
Mehr und mehr realisierte ich, dass ich nun an diesem Ort war, wo ich ungefähr 30 Tage hingelaufen bin. Anfangs war es noch ein aufregendes 800 km-Abenteuer, später entwickelte es sich zu einer überaus intensiven Erfahrung des Alleinseins, der Nächstenliebe, der für das Leben wirklich essentiellen Dinge. Es war ein überwältigendes Gefühl, ein vertrautes. Ich kannte das Gefühl vom Abitur. 13 oder zumindest zwei Jahre prägendes Jahre auf etwas hingearbeitet. Dieses ist nun erreicht und geschafft.
Die erste Nacht in Santiago habe ich, wie Avignon, unter freiem Himmel verbracht. Im Park mit der Deutschen und Hund, später ist Jozef noch zu uns gestoßen, er hatte kein Hotel gefunden. Den nächsten Tag habe ich damit verbracht, mich auf dem Campingplatz anzumelden, mich und Kleidung zu waschen und die Füße auszuruhen. Abends wollte ich erst nichts unternehmen, hatte dann jedoch das Gefühl, ich sollte zur Kathedrale gehen, werden schon jemanden treffen.
So ging ich, einen neuen Weg ausprobierend, und traf erst eine Gruppe italienische Pfadfinder, die ich kennen lernte, als ich Pause machte und sie mich fragten, ob ich nicht mit ihnen laufen wollte, sah einen mit Begeisterung singenden und Gitarre spielenden Iren. An der Kathedrale traf ich Jozef mit zwei Deutschen, mit denen er über Zweidrittel des Weges verbracht hat und ich konnte ihnen den Campingplatz empfehlen. Das war für mich schon genug Unverständliches. Dann saßen da noch die beiden Zeltgenossen, mit einer größeren Gruppe, einen kannte ich schon, er bildete mit den Damen eine Gruppe, wir hatten uns auf dem Weg schon ein paar Mal getroffen.
Im Verlauf des Abends kam dann noch der ein oder andere Mitpilger und es war grandios alle wiederzusehen. Alle waren wir angekommen, alle teilten dieses überwältigende Gefühl in Santiago anzukommen, alle teilten diese intensive Erfahrung, die für jeden eine eigene Überraschung, ein eigenes Gefühl bereit hält. Es hat mich sehr an Abiball oder Abiparty erinnert. Auch die Pilger, die man nur vom Sehen her kannte, freuten sich über dieses Wiedersehen.
Der Camino de Santiago war, ist eine grandiose Erfahrung, gehört vielleicht, wahrscheinlich zu den grandiosesten, intensivsten, prägendsten meines Lebens. Für mich war es der richtige Zeitpunkt ihn zu machen. Es gibt kein altes Leben, in das ich zurück kehren werde, kann. Ich habe die Möglichkeit die Erfahrung sogar noch sacken zu lassen, noch weiter zu suchen, mein Selbst zu stärken auf der Reise und kann danach einen neuen Alltag beginnen.
Der neue Alltag erleichtert es ungemein die Erfahrung zu halten und nicht in alte Handlungsweisen, Denkweisen zurückzufallen, die abzulegen der Camino vielleicht geholfen hat. Daher halte ich den Jakobsweg für eine sehr passende, weiterhelfende Erfahrung, zwischen Schule und Studium, oder anderer Beschäftigung, vor allem, wenn diese in anderer Stadt oder anderem Land liegt. Dies ist ein Rat, den ich meinen demnächst abiturenden Freunden Raoul und Henrike geben möchte und auch dem Rest durch die Bier, Tüte oder sonstige Erfahrungen schaffenden Bekanntschaften. Ich halte es für wichtig, von Anfang an allein zu laufen und die Möglichkeit zu haben, unter freiem Himmel zu schlafen, Zelt, Biwak-Sack oder anderes. Unter freiem Himmel zu schlafen befreit euch von dem Herbergssystem, das manchmal ganz schön einschränkend sein kann. Plant auch mehr als genug Zeit ein, damit ihr nicht unter Druck geratet, denn das kann hinderlich sein.
Gerade das, auch mal für mehrere Tage allein sein, für mich selbst sein, hat mir sehr viel gegeben. Wer nun dieses Alleinsein als abschreckend sieht, der wird, wenn er sich überwindet, die Herrlichkeit des Caminos sehen. Mann kann allein sein, wenn man will, man kann Leute kennen lernen, geht sehr schnell, wenn man jedoch keine Lust darauf hat, nimmt einem das keiner übel.
Diese grandiose Erfahrung wurde in Avignon schon vorbereitet und ich finde es überraschend, dass ich so passend die beiden Teile Avignon und Camino geplant habe, ohne zu wissen, dass das so ineinandergreift.
Gerade bin ich auf dem Weg zum „Ende der Welt“ nach Finisterra. Danach vielleicht Portugal, vielleicht woofen, mal sehen.
Ich werde auch weiterhin mehr oder weniger regelmäßig, mit Verzögerungen von wenigen Tagen bis einigen Wochen den Blog führen.
Zum Abschluss noch die angekündigte, lyrische Beschreibung Avignons. Ein Gedicht, welches ich nach zwei Tagen, glaube ich, schrieb und immer noch für Gefühls-/Erlebnisumreißend halte, vielleicht etwas dick aufgetragen, aber ich war sehr begeistert, wie auch gerade vom Camino :- )
Geh nach Avignon,
setz dich auf die Straße.
Geh nach Utopia
Und lass es zu dir kommen.
Nimm dir 'nen Wein,
rauch 'nen Joint,
dreh dir 'ne Zigarette,
komm nach Avignon.
Treffe Menschen,
blühe auf.
Lass Utopia gedeihen.
--
P.S.: Habe, gerade wenn ich allein war/bin, viel an Familie und Freunde in der Heimat gedacht und tue es auch immer noch. Schön euch zu wissen!
Oh meine Brüder.
Ich war angekommen.
Vor drei Tagen, am 27. August, saß ich viertel eins vor der Kathedrale in Santiago de Compostela, um das mir versprochene Siegergefühl zu genießen, bestehend aus Siegermüsli und Siegermilch. Beides zwar schon am Vorabend genossen, aber der Genuss zum Sieg machten sie zu solchem. Der Begriff des Sieges ist auf dem Camino de Santiago etwas unpassend auf den ersten Blick, bei diesem Sieg handelt es sich aber nicht um einen objektiven, sondern um einen subjektiven Sieg ohne Besiegten.
Pünktlich um eins war ich in gespannter Erwartung, ob die anderen auch von einer so, wenn auch nur zeitweilig, prägenden Erfahrung zu berichten wussten. Wie von mir angekündigt, hatten wir uns nämlich am Tag nach Burgos geteilt und uns für den 27. August, 13 Uhr vor der Kathedrale verabredet. Die anderen vier, Christian, Max, Nicolas und Arno blieben vorerst zusammen.
Kurz vor eins war es jedoch Jozef, ein geselliger, gesprächiger Belgier, den ich in den letzten Tagen mehr als nur sehend kennen lernte, der sich zu mir gesellte. Am Vorabend angekommen hatte er, da es zu spät für ihn war, in eine Herberge oder ein Hotel zu gehen, die erste Nacht in einem Park verbracht.
So warteten wir gemeinsam unsere Beine und Füße ausruhend auf die Jungs. Nach einiger Zeit lernten wir eine Deutsche kennen, die gerade zum dritten Mal in Santiago war und ihr restliches Leben derzeit reisend und woofend in Spanien auf der iberischen Halbinsel verbringt. Sie plante die Nacht im Park, wie Jozef zuvor, zu verbringen, mit Hund. Ich schloss mich ihr kurzerhand an bzw. wir planten es - war ja erst nachmittags.
Gegen halb vier, nach ca. 2,5 Stunden erfolglosen Wartens, machte ich mich auf den Weg ins Pilgerbüro, um mein Papier abzuholen, das mir gegenüber aller Welt den Abschluss der Wanderung bestätigt. Als ich bei „Grund der Reise“, im Pilgerbüro, „Nicht Religiös“ ankreuzte, guckt mich die Frau hinter dem Tresen verständnislos an und fragt, ob ich denn nicht wenigstens spirituelle oder ähnliche Gründe für die Reise hätte, um wenigstens „Religiöse und andere“ anzukreuzen, bejahte ich dies, wies sie jedoch darauf hin, dass ich keine christlichen Gründe habe. Ich hielt es nicht für nötig, für diesen Wisch zu lügen, obwohl es sicher Menschen gibt, die das Beachten des 7. Gebotes (?) (Luthers Zählung) für christlich genug und Dinge, wie Glaubensbekenntnis und den Glauben Jesus Christus als Gottes Sohn für religiöse Sahnehäubchen halten, die der normale Christ nicht für sich annehmen muss.
In den nächsten Tagen sorgte das doch etwas mickrig aussehende Papierchen für die eine oder andere Freude bei Mitpilgern, wenn es zum Vergleich mit der schöneren, „christlichen“ Compostelana kam.
Ich hatte schon während der ersten Wartezeit zwei SMS an die Jungs geschickt. Da ich es nun für unnötig hielt, weiter zu warten, beide SMS blieben unbeantwortet, beschloss ich das Warten zu beenden und machte mich, mal wieder vergeblich, auf die Suche nach einer passenden Kocherpatrone.
Ich hoffe, dass nur eine Kleinigkeit die Jungs verhindert und sie gesund und voller „Camino Experience“ (so häufig internationalisiert von den Mitpilgern genannt) den Camino zu Hause beginnen können. Nicht selten hört man hier die Weisheit: „Der Camino beginnt zu Hause.“
Den Kocher hatte ich mir nach einem prägenden Ereignis in León zugelegt.
Anfangs ging das Laufen alleine doch recht gut. Allerdings schien ich etwas Ernährungsprobleme gehabt zu haben, denn ich wurde etwas kränklich und schwach. Zuerst nur verwundert, wurde mir nach kurzer Symptomanalyse klar, dass ich Ruhe brauchte. Allgemeine Schwäche, Appetitlosigkeit und allgemeines Unwohlsein interpretiere ich als ruhebedürftig. Kam vielleicht daher, dass ich nur kalt aß und nichts Warmes genießen konnte, da ich fast jede Nacht draußen schlief. So kam es, dass ich für 17 km einmal einen ganzen Tag benötigte, in dieser Zeit ca. 8-10 Stunden unterwegs, waren sonst 25-30 km drin, vielleicht auch mehr.
So beschloss ich den nächsten Tag in der nur 7 km entfernten Herberge zu verbringen. Dort angekommen schien ich im ersten Moment das letzte Bett verpasst zu haben.
Nachdem die Gruppe vor mir nicht geschlossen Betten bekam, teilten sie sich auf und ich bekam das letzte Bett. Nach warmer Suppe und einen für 2 Personen gerechneten Pasta-Fertiggericht fühlte ich mich besser. Das zeigte mir schon, wie gut warmes Essen sein kann.
Am nächsten Morgen wurde ich vom bisher „arischsten“ Menschen geweckt, der mir begegnet ist. Ein zäher, blonder Jüngling von 17 Jahren, tüchtig, sportlich, unermüdlich. Am vorherigen Nachmittag ist er noch in der Nachmittagshitze etwas Joggen gewesen. Als ich ihm im Laufe des Abends mein Alter offenbarte, wies er mich daraufhin, wie sehr er sich darauf freut, 18 zu sein: „Wenn ich den Lappen hab, wird erstmal ordentlich rumgeheizt!“ Die Liebe zum Automobil so zu verpacken, das schaffen nur Menschen dieses Schlages, unabhängig von politischer Einstellung, stell ich mir diesen Jungen, hätte er vor 75 Jahren gelebt, als Musterknaben in einem, DEM Pfandfinderverein vor.
Morgens um halb 7 schaltet er voller Tatendrang das Licht mit den Worten „Es ist schon halb 7!“, an. Als ich ihn dann, noch humorvoll, darauf hinweise, dass ich noch schlafe, zeigt er sich, scheinbar in der Annahme, dass sein Tatendrang die ganze Welt umspannen und alle Menschen mitreißen müsse, unbeeindruckt. Mein Humor schwindet innerlich, ich zeige es nicht und mache mich mürrisch daran, den Morgen zu beginnen.
Später am Tag liege ich für eine Siesta an einem Fluss, mit sprießendem Wald. Ein Ort voller Leben, mitten in der Maserte, zur Siestazeit. Ein Traum
So ruhe ich und zwei deutsche Mitpilgerinnen haben auch diese Oase entdeckt und tun es mir gleich.
Ich bekomme Lust warm zu essen, frage die Mädchen, ob sie ein Feuer in dieser grünen Gegend für ungefährlich halten, aber sie zeigen sich, wie ich, ahnungslos. So frage ich einen etwas heimischen aussehenden Fahrradpilger. Er bietet uns zur Gefahrenvorbeugung seinen Gaskocher ab. Dazu schenkt er uns Pastareste und vier Eier. So kochen wir herrlichste Pasta und lassen unserem Spender noch zwei Eierübrig. Ein Mal, ein Genuss, ein Werk, eine Tat, die ihre Energie nicht nur aus Kohlenhydrate und Proteinen, sondern aus der Liebe zum Teilen holt.
Gestärkt und obendrein voller guter Laune, Agave geh ich noch Wasser, Früchte und Kekse vor Marschbeginn einkaufen und bekomme obendrein vom Verkäufer noch einen Lutscher geschenkt. Eine einzigartige Siesta.
Der Genuss der selbstgemachten Pasta nährt meine Lust zum Teilen und Kochen, so teilen wir das Zelt zu dritt ca. 5 km vor León. Auf dem Weg dorthin trafen wir in einer Bar auf einen Barbesitzer, der sich zur Freude zu allem deutschen mit uns auf Deutsch unterhält und uns dazu noch mit Beethovens 9. Sinfonie, Chorteil ab „Oh Freunde nicht diese Töne“, un dem 1. Satz der 5. Symphonie für den Weg stärkt.
Gefüllt mit „Ode an die Freude“ und Schicksalsmotiv machen wir uns auf weiter Richtung León,
Am Morgen trennen sich unsere Wege und ich gehe allein nach León.
Ich zeige mich ein weiteres Mal beeindruckt, welche Werke die Liebe zu Gott oder die Angst vor ihm schaffen kann.
Ich kaufe voller Enthusiasmus einen Kocher, welchen man auf die Gaskartuschen schrauben kann. Der Verkäufer weist mich noch darauf hin, dass ich den Kocher immer, wenn ich ihn nicht benutze, von der Kartusche abschrauben soll, zumindest glaube ich, dass das die Essenz seiner Aussage war. Er konnte kein Englisch, ich kein Spanisch.
Das Abschrauben hielt ich für äußerst praktisch. Am Abend koche ich wieder Pasta mit zwei Eiern, diesmal allein. Die Eier sind vom Essensspender des Vortages in meinen Besitz übergegangen. Nachdem wir ihm seinen Kocher wiedergaben, sah er uns enttäuscht an und sagte etwas traurig: „Zwei Eier!“ Ich dachte, wir hätten zu viel genommen und fühlte gleich das schlechte Gewissen für meine übereifrige Kocherei in mir hochkommen. Unser Bruder war jedoch enttäuscht, dass wir nicht mehr gegessen haben. Er hatte am Vortag acht (!) Eier gegessen und nun war ihm schlecht. So hatte ich zwei Eier für das Abendessen.
Nachdem ich das Abendessen mit einer Tasse Tee genossen hatte, schraubte ich, stolz auf diese Möglichkeit, den Kocher auseinander. Leider musste ich am nächsten Tag feststellen, dass ich den Verkäufer falsch verstanden habe oder er mich ein klein wenig ärgern wollte.
Einige Tage später kaufe ich also eine zweite Kartusche bei einem Schweizer, der ein Sportgeschäft betreibt. Verwundert erfrage ich den Grund seines Aufenthalts und er erzählt mir von einer sehr interessanten Greenpeace-Aktion, die die Menschen aus den Städten zur Wiederbesiedlung verlassener Dörfer holt.
Der Camino führt an drei Dörfern vorbei, welche durch Wasserkanäle am Tropf der großen Städte hängen und durch eins direkt durchfließen [?]. Die drei waren vor ca 20/30 Jahren komplett verlassen, das Dorf „Foucebadon“, mittlerweile mit Herberge und Laden in einem Haus, wurde damals nur von einer Mutter mit Sohn bewohnt, die in einfachsten Verhältnissen dort lebten. Ich vermute, Coelhos Beschreibung des verlassenen Dorfes in seinem Debütroman könnte sich auf eines der wieder besiedelten, nie verlassenen scheinenden Dörfern beziehen.
Einige Kilometer von diesem Dorf pausiere ich und bereite einen großen Topf Pasta (fast 500g) als Abendessen und Frühstück vor. Vorher habe ich über den Tag verteilt ca. 1,5 Liter Wasser gekocht. Nach ca. sechs Minuten Kochzeit der Pasta geht die Flamme des Kochers aus. Es braucht weitere 20 Minuten, bis sie im lauwarmen Wasser weich sind. Schmecken jedoch etwas mehlig. Ich halte die kurze Brenndauer einer Kartusche für etwas ungewöhnlich und sie klingt beim Schütteln auch noch relativ voll. Also untersuchte ich den Kocher und entdecke einen zweiten Dichtungsring an der Schraube, Er lässt sich sehr einfach lösen und bringt weiteres Schraubgewinde und einen mit Aussparungen eingepassten weiteren Dichtungsring zum Vorschein. Ich vermute es handelt sich um eine Fehlproduktion, die zum vorzeitigen Erlöschen führte. Ich erinnere mich an die etwas lädierte Verpackung mit 50% Preisnachlass. Mit den zwei verschwendeten Kartuschen habe ich nun den vollen Preis für den Kocher bezahlt. Ich habe die letzten Tage in verschiedensten Geschäften nach einer Kartusche gesucht, aber keine gefunden die passt. Wenn die dritte auch so’n Murks fabriziert, werde ich mich neu umschauen müssen, aber einen Kocher halte ich mittlerweile für essentiell, wenn ich auch in Zukunft so häufig draußen schlafe.
Nachdem ich also auch in Santiago keine Gaskartusche gefunden habe, saß ich mit Jozef vor der Kathedrale, habe ein prächtiges Sandwich gebastelt und bin langsam angekommen.
Mehr und mehr realisierte ich, dass ich nun an diesem Ort war, wo ich ungefähr 30 Tage hingelaufen bin. Anfangs war es noch ein aufregendes 800 km-Abenteuer, später entwickelte es sich zu einer überaus intensiven Erfahrung des Alleinseins, der Nächstenliebe, der für das Leben wirklich essentiellen Dinge. Es war ein überwältigendes Gefühl, ein vertrautes. Ich kannte das Gefühl vom Abitur. 13 oder zumindest zwei Jahre prägendes Jahre auf etwas hingearbeitet. Dieses ist nun erreicht und geschafft.
Die erste Nacht in Santiago habe ich, wie Avignon, unter freiem Himmel verbracht. Im Park mit der Deutschen und Hund, später ist Jozef noch zu uns gestoßen, er hatte kein Hotel gefunden. Den nächsten Tag habe ich damit verbracht, mich auf dem Campingplatz anzumelden, mich und Kleidung zu waschen und die Füße auszuruhen. Abends wollte ich erst nichts unternehmen, hatte dann jedoch das Gefühl, ich sollte zur Kathedrale gehen, werden schon jemanden treffen.
So ging ich, einen neuen Weg ausprobierend, und traf erst eine Gruppe italienische Pfadfinder, die ich kennen lernte, als ich Pause machte und sie mich fragten, ob ich nicht mit ihnen laufen wollte, sah einen mit Begeisterung singenden und Gitarre spielenden Iren. An der Kathedrale traf ich Jozef mit zwei Deutschen, mit denen er über Zweidrittel des Weges verbracht hat und ich konnte ihnen den Campingplatz empfehlen. Das war für mich schon genug Unverständliches. Dann saßen da noch die beiden Zeltgenossen, mit einer größeren Gruppe, einen kannte ich schon, er bildete mit den Damen eine Gruppe, wir hatten uns auf dem Weg schon ein paar Mal getroffen.
Im Verlauf des Abends kam dann noch der ein oder andere Mitpilger und es war grandios alle wiederzusehen. Alle waren wir angekommen, alle teilten dieses überwältigende Gefühl in Santiago anzukommen, alle teilten diese intensive Erfahrung, die für jeden eine eigene Überraschung, ein eigenes Gefühl bereit hält. Es hat mich sehr an Abiball oder Abiparty erinnert. Auch die Pilger, die man nur vom Sehen her kannte, freuten sich über dieses Wiedersehen.
Der Camino de Santiago war, ist eine grandiose Erfahrung, gehört vielleicht, wahrscheinlich zu den grandiosesten, intensivsten, prägendsten meines Lebens. Für mich war es der richtige Zeitpunkt ihn zu machen. Es gibt kein altes Leben, in das ich zurück kehren werde, kann. Ich habe die Möglichkeit die Erfahrung sogar noch sacken zu lassen, noch weiter zu suchen, mein Selbst zu stärken auf der Reise und kann danach einen neuen Alltag beginnen.
Der neue Alltag erleichtert es ungemein die Erfahrung zu halten und nicht in alte Handlungsweisen, Denkweisen zurückzufallen, die abzulegen der Camino vielleicht geholfen hat. Daher halte ich den Jakobsweg für eine sehr passende, weiterhelfende Erfahrung, zwischen Schule und Studium, oder anderer Beschäftigung, vor allem, wenn diese in anderer Stadt oder anderem Land liegt. Dies ist ein Rat, den ich meinen demnächst abiturenden Freunden Raoul und Henrike geben möchte und auch dem Rest durch die Bier, Tüte oder sonstige Erfahrungen schaffenden Bekanntschaften. Ich halte es für wichtig, von Anfang an allein zu laufen und die Möglichkeit zu haben, unter freiem Himmel zu schlafen, Zelt, Biwak-Sack oder anderes. Unter freiem Himmel zu schlafen befreit euch von dem Herbergssystem, das manchmal ganz schön einschränkend sein kann. Plant auch mehr als genug Zeit ein, damit ihr nicht unter Druck geratet, denn das kann hinderlich sein.
Gerade das, auch mal für mehrere Tage allein sein, für mich selbst sein, hat mir sehr viel gegeben. Wer nun dieses Alleinsein als abschreckend sieht, der wird, wenn er sich überwindet, die Herrlichkeit des Caminos sehen. Mann kann allein sein, wenn man will, man kann Leute kennen lernen, geht sehr schnell, wenn man jedoch keine Lust darauf hat, nimmt einem das keiner übel.
Diese grandiose Erfahrung wurde in Avignon schon vorbereitet und ich finde es überraschend, dass ich so passend die beiden Teile Avignon und Camino geplant habe, ohne zu wissen, dass das so ineinandergreift.
Gerade bin ich auf dem Weg zum „Ende der Welt“ nach Finisterra. Danach vielleicht Portugal, vielleicht woofen, mal sehen.
Ich werde auch weiterhin mehr oder weniger regelmäßig, mit Verzögerungen von wenigen Tagen bis einigen Wochen den Blog führen.
Zum Abschluss noch die angekündigte, lyrische Beschreibung Avignons. Ein Gedicht, welches ich nach zwei Tagen, glaube ich, schrieb und immer noch für Gefühls-/Erlebnisumreißend halte, vielleicht etwas dick aufgetragen, aber ich war sehr begeistert, wie auch gerade vom Camino :- )
Geh nach Avignon,
setz dich auf die Straße.
Geh nach Utopia
Und lass es zu dir kommen.
Nimm dir 'nen Wein,
rauch 'nen Joint,
dreh dir 'ne Zigarette,
komm nach Avignon.
Treffe Menschen,
blühe auf.
Lass Utopia gedeihen.
--
P.S.: Habe, gerade wenn ich allein war/bin, viel an Familie und Freunde in der Heimat gedacht und tue es auch immer noch. Schön euch zu wissen!
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