Dienstag, 30. August 2011
Die Schönheit des Alleinseins
Sonntag, 07.08.2011
San Juan de Ortega

Die Schönheit des Alleinseins

Die letzten Tage in Avignon waren herrlich. Um unseren letzten kompletten Tag zu zelebrieren, haben wir alle drei ein paar Süßigkeiten aus der Natur in uns herumgetragen. Als dann der Hunger nach etwas zu Essen doch Überhand gewann, haben wir uns Kaktus, Acid oder Coca reingezogen. Erstere beiden waren französische Süßigkeiten, kleine, extrem saure, trolli ähnliche Kakteen und diese Ufos, die entgegen der Erwartung und des Namens nicht sauer waren. Letzteres dürfte in der heutigen Welt bekannt genug sein. Zu allem Neuem an diesem Tag gab es zum Überdruss auch noch nach Broiler schmeckende Kartoffelchips. Nicht nach Hühnchenaroma schmeckende, sondern nach richtigen Hühnchen schmeckende Chips. Geschmäcker kreieren, das können die Franzosen.

Am nächsten Tag dann losgefahren. Abfahrt ging am richtigen Ort schnell, 10 Minuten. Bin dann mit einem Schweizer Pärchen nach Narbonne gefahren. Habe vom Typen den Annagramm-Satz „Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie“ gelernt. Das quasi-allein Unterwegs sein hat mir gut gefallen. In Narbonne an einem herrlichen Fluss im Zelt übernachtet. Am nächsten Tag nach einer Stunde im Regen von einem Franzosen, nur französisch sprechend, nach Toulouse gebracht. Konnte so meine in Avignon erworbenen Französisch-Kenntnisse ausprobieren, es waren unglaublich schlechte, wie sich zu meiner Überraschung heraus stellte. Von Toulouse nach Bayonne nur vier bzw. eine Minute gewartet, meine Theorie: ein s.v.pl. macht das Schild wesentlich einladender. Oder ich sah im Regen zu eklig für die Autos aus.
Nach Bayonne mit zwei baskischen Cousins gefahren, die zum Jamiroquai-Konzert wollten und die nächsten Tage sich auf dem Festival betrinken wollten. Einer berichtete mir auch von der von ihm mitgebrachten Slierhatz. Mit beiden noch ein Bier getrunken. Am Abend noch nach St.-Jean-Pied-de-Port in dem Glauben, am nächsten Abend die anderen Jungs zu treffen. Das stellte sich jedoch als Irrtum heraus. Hatte mich im aktuellen Datum geirrt, bin daher zu früh da gewesen und habe auch noch eine verfrühte Geburtstags-SMS verschickt.

- Die Turmuhr schlägt 8 Uhr. –

Die Tage in St. Jean vergammelt und am herrlichen Flussufer gezeltet.
Die erste Etappe war, wie angekündigt, sehr hart und sehr schön.
Habe mir gleich zwei große Blasen in Achillersehnen-Gegend gelaufen.

Die ersten beiden Tage noch in der Gruppe gelaufen, dann am Zielort getroffen. Am 06.08. habe ich mich dann erstmal gelöst und wir haben uns für den 09.08. in Burgos verabredet.
Es gibt nichts herrlicheres, als alleine zu laufen und auch seinen eigenen Tagesrythmus zu haben. Ich bin relativ lange gelaufen und habe 39 km geschafft, ohne groß angestrengt zu sein. Dagegen sind die von uns vorher unter großer Anstrengung geschafften ca. 28 bis ca. 32 km wenig.

Das Problem an diesem modernen Camino ist das Herbergensystem, welches für solche Mengen m.M.n. nicht ausgelegt ist. Viele Leute sind gegen 13 Uhr ziemlich angestrengt oder sogar müde (z.B. ich) und halten dann den jeweiligen Aufenthaltsort für den besten, um den Tag zu beenden. Dann ruht man sich kurz aus und der Nachmittag steht zur freien Verfügung, so wurde es z.B. bei Klassenfahrten genannt. Diesen Charakter hat auch diese Art von Camino gehen. Die Einsamkeit, das zu sich selbst Kommen und ständige Gehen kommen bei dieser Art Urlaub zu kurz. Dabei sind das die Erfahrungen, die, glaube ich, den Camino geschaffen und weiter empfohlen haben. Diesen sportlichen Urlaub möchte ich mich entziehen und mit meinem Zelt den Tag voll auskosten und viel laufen.

Die Herbergen an sich sind nicht der „Erfahrungskiller“ es sind viel mehr die Menschen, die die Siesta zum Tagesende erklären. So sind die Herbergen einer Stadt teilweise schon um drei Uhr am Nachmittag voll und das frühe Etappen-Ende wird damit erklärt, man möge noch eine Herberge finden. Ein offensichtlich überflüssiger und zerstörerischer Teufelskreis.
Zu allem Überfluss klingeln um sechs Uhr in der Frühe, oder noch früher, alle Handys los, so dass man in den Massenherbergen schon um fünf oder halb sechs wach ist und kaum noch schlafen kann. Was für den einen die angenehmsten Schlafenszeiten sind, führen beim anderen zu Schlafmangel, Müdigkeit, Kraftlosigkeit und daraus folgend zu kurze Etappen, die zur Siesta-Zeit schon beendet sind. Ich möchte allen meinem Freunden, Brüdern und Schwestern nur raten, ein Zelt mitzunehmen. Es bringt euch nicht um und macht die Erfahrung reicher. Statt der Herbergskosten fallen dann nur einmalige Zeltkosten an, diese sind dann auch länger wirksam.
Mein zweiter Rat ist möglichst alleine zu laufen. Der Camino ist kein Gruppenurlaub, sondern ein Weg zu sich selbst, zumindest kann man die ersten Wegweiser finden.
Diese Ratschläge kommen aus subjektiver Erfahrung und gelten für alle Menschen, aber es sind vielleicht doch mehr, als es selber für möglich halten. Die Tipps dienen eher dazu, die Camino-Erfahrung zu intensivieren und sie zu so einer werden zu lassen, für die der Camino berühmt ist, so zumindest denke ich im Moment.
In dieser Sache halte ich es wie Michel de Montaigne: „Wenn ich schlafe, dann schlafe ich, wenn ich reise, dann reise ich.“ [Getreu seinem Zitat: Wenn ich tanze, tanze ich und wenn ich schlafe, schlafe ich.] So ist es auch auf dem Camino. Wenn ich auf dem Camino laufe, dann lauf ich auf dem Camino und mache nicht noch Wellness-Urlaub und Gruppenurlaub nebenher.

Eben hat mich ein freundlicher, älterer Mitreisender auf Spanisch hingewiesen, nicht direkt neben der Straße, sondern weiter im Wald, wo es besser versteckt ist, zu zelten. „No Acqi“, hat er gesagt. Ganz nebenher heute auch noch durch den herrlichen Eichenwald gewandert mit Lichtungen voll von lila Türmchen über grünen Dächern. Ein paradiesischer Wald der Mittagshitze.

08.08.2011
Burgos
Habe mir dann noch einen anderen versteckteren Platz gesucht und ohne Unterzelt gezeltet. Sehr schöner Himmel am Abend. Der Mondschein trübte etwas die Anzahl der sichtbaren Sterne, aber das schien die Schönheit nicht zu stören.
Am Morgen jedoch wurde es etwas kühl und auch ein wenig feucht. Nicht schlimm, nur unangenehm. Mit Unterzelt wäre das nicht passiert, mutmaße ich, zumindest trocken und ein klein wenig wärmer. Mit Tieren aller Art hatte ich wider meiner Befürchtung weder direkten, noch Sicht-, noch Hörkontakt.

Heute ist mir wieder aufgefallen, was der auch für ein Spaß ist, die Arbeit für Landwirte vor Augen zu haben. Das eine Feld abgeerntet, das nächste mit Heu voll und dazwischen auch noch ein ausgewachsenes.

Später über eine sehr hässliche Industriestraße nach Burgos rein. Dadurch wurde meine gute Laune etwas getrübt. Auch die etwas mürrisch scheinenden Stadtmenschen haben etwas dazu beigetragen. Nun recht müde. Noch einiges an Fußmarsch vor mir aus der Stadt heraus, dieses Mal brauche ich einen etwas ebeneren Platz zum Zelten.

Habe auf dem Weg zum Platz fürs Zelt einen ziemlich abgedrehten Spanier getroffen, der mir einen handgeschriebenen Zettel in die Hand gedrückt hat und mich auf Spanisch zugetextet hat, über seine Theorien über Welt und sonstiges, glaube ich zumindest – habe fast gar nichts verstanden, fand es aber interessant, wie energisch er seine Lehre verbreitet.

P.S.: Diese Ausführungen sind allein subjektive, auch wenn sie den Anschein haben, objektive Wahrheiten zu sein, so möchte ich Ihnen das, so gut es geht, ausreden und Ihnen ihr objektives Gewand herunter reißen, um ihre subjktive Nackheit zu zeigen.

... link (1 Kommentar)   ... comment